Gärtnern – Kunst und Notwendigkeit oder: Warum ist Landschaft schön?

Dazu eine Analogie: Wir alle kennen die grünen Rasenflächen, wie sie sich zwischen Miethäusern hinziehen. Sie werden vom Hausmeister gemäht, das Betreten ist zwar nicht verboten, aber niemand, zumindest keine erwachsene Person, betritt den Rasen freiwillig.

Die auf dem Plan so grosszügig bemessenen und bei der Schlüsselübergabe so hochgelobten Spiel- und Liegewiesen bleiben Abstandsflächen. Es gäbe ein Mittel, diese Abstandsflächen kostenlos nutzbar zu machen: die Privatisierung unter den Mietern. Dieses aber würde wohl Ungleichheiten schaffen. Die partizipatorische Pflege der Abstandsflächen durch Mieter bedürfte einer gemeinschaftlichen Organisation. – Wer aber will sich damit beschäftigen? Sicher können das nicht die Gärtner, sicher wollen das nicht die Vermieter. Sicher können es nicht die Mieter allein. Hier öffnet sich eine freilandpflegerische Aufgabe neuer Art.

Ähnlich stellt sich die Aufgabe ausserhalb der Siedlungsgesellschaft, in der eigentlichen Öffentlichkeit der Stadt. Die Stadt könnte schöner, könnte begrünter sein; aber der Aufwand einer Begrünung durch die Stadtgärtnerei wäre sehr hoch. Wir wissen, dass es Leute gibt, die gerne gärtnern würden, die jahrelang auf eine Schrebergartenstelle warten müssen. Aber nicht nur geschriebene Gesetze, auch die ungeschriebenen Regeln städtischen Zusammenlebens hindern sie, ihren Spaten zu schultern und an der Heuwaage ein paar Waldreben zu pflanzen oder auf den Schuttplatz im St. Alban-Tal vorübergehend einige Königskerzen zu säen. Auch hier bedürfte es der Anregung, der Organisation und der klugen Lenkung des partizipatorischen Willens.

[Lucius Burckhardt, Gärtnern – Kunst und Notwendigkeit, in: Warum ist Landschaft schön?
Die Spaziergangswissenschaft, hgg. von Markus Ritter, Berlin: Schmitz, 2006, S. 131-139, S. 137f.]

Spaziergangswissenschaft

Wir verstehen den Spaziergang als eine Sequenz, eine Perlenkette, aufgrund derer eine integrative Leistung vollbracht wird: die Herstellung des typischen Landschaftsbildes. Dieser Leistung in ihrer ursprünglichen Form lag aber zunächst noch ein weiteres Muster zugrunde: der Übergang von der Stadt aufs Land. Die Landschaft ist eine Erfindung der Städter. Städtische Gesellschaften, deren Ernährung notwendigerweise zwar noch vom Lande hergestellt wird, die aber keine direkte Beziehung mehr haben zu dieser Produktion als allein eine der Macht und des Geldes – die Lebensmittel kommen als Tribute, Steuern. Zinsen, Pachten oder als Handelsware in die Stadt –, solche städtischen Gesellschaften entwickeln eine Ästhetik der Landschaft. Denn dieser von der Produktion abgekoppelte Städter geht für seinen Spaziergang zum Stadttor hinaus und sieht das Land – eben ästhetisch, oder wie Kant es formuliert hat: ohne Interesse. Mit Interesse ist gemeint, dass er keinen direkten Anteil an der Produktion hat, ein Kartoffelacker oder ein Sonnenblumenfeld erinnern ihn nicht an Investitionen und Erträge, Klatschmohn und Kornblumen sind für ihn keine schädlichen Unkräuter, sondern das alles erscheint ihm als gegebene Teile des Landschaftsbildes. Selbst das ihm fremde, aber so sympathische „glückliche Volk der Gefilde“ gehört dazu: die Landschaftsmaler nennen das Staffage. Zur Verwandlung der Erscheinungen in ein ästhetisches Bild bedarf es also der Überschreitung einer Grenze, in diesem Falle des Stadttors. Symmetrisch, soziologisch aber schwieriger, liesse sich die Figur des Bauern ausmalen, der durch das Tor die Stadt betritt und nun ihre Gebäude „ohne Interesse“ betrachtet.

Der Gegensatz von Stadt und Land, ästhetisch sowohl wie ökonomisch, bildet also das Grundmuster der klassischen spaziergangsmässigen Wahrnehmung. Die ökonomische Voraussetzung ist die Interesselosigkeit, die nur indirekte Beziehung zu einem aus der Landwirtschaft fliessenden Ertrag oder Gewinn. Wohl war vielleicht der einzelne Spaziergänger auch ein Besitzer oder Verpächter oder Einkäufer: als Spaziergänger reiht er sich aber ein in die Reihe der städtischen Uninteressierten. Von der Erscheinung der Umwelt her gesehen ist der Effekt abhängig von der Existenz eines merkbaren Stadtrandes. Irgendwo muss die Stelle sein, wo die ästhetische Wahrnehmung eingeschaltet oder umgeschaltet wird. Insofern befindet sich die spaziergangsorientierte Landschaftswahrnehmung heute in einer Krise und es bedarf einer neuen Definition. Der heutige Spaziergänger, der ja auch Fernsehzuschauer, Radiohörer und Zeitungsleser ist, nimmt teil oder besser, ist verstrickt in die agrarische Produktion und in die Zustände der Brachflächen. Die Kunde von Waldsterben ist allgegenwärtig, und der Anblick eines krakelig gewachsenen oder gar dürren Baumes bringt dem Städter unsanft seine Schuld als Konsument von Heizöl und Treibstoff in Erinnerung. Andererseits beobachtet der Spaziergänger, dass das glückliche Volk der Gefilde heute anderes treibt als die Halme zu Ähren zu binden: Misstrauisch betrachtet der Städter die geheimnisvollen Säcke und Behälter vor den Ställen, und die seltsamen Fahrzeuge, die irgendwelche pulvrigen oder flüssigen Materialien auf die Felder ausbringen. Sind es Düngemittel oder Gifte? Werden wir sie mit der Nahrung oder mit dem Trinkwasser in unseren Körper aufnehmen? Der Schuldige wird hier zum Opfer, der Geschädigte zum Angreifer; wir Städter fühlen uns schuldig am Waldsterben, empören uns aber ohnmächtig gegen die Versetzung unserer unentbehrlichen Grundstoffe mit Chemikalien. Und was geschieht mit dem Vieh, das nun nicht mehr malerisch die Waldlichtungen belebt, sondern das wir zwar nicht mehr sehen, sondern es zu recht hinter jenen langgestreckten Mauern vermuten, aus welchen die mit Dünger beladenen Wagen auf die Felder fahren, Felder, die spärlich bewachsen sind, nicht wegen des Mangels, sondern wegen der Fülle der Düngstoffe. Der Spaziergänger, der all dieses sieht und es notwendig mitdenkt, denn es wird ihm ja täglich auch dargelegt, ist nicht mehr ganz Betrachter ohne Interesse. Aber was ist er sonst?

Die zweite Komponente der Krise unserer Wahrnehmung der Landschaft betrifft den Stadtrand. Wir bewegen uns heute in einem Kontinuum, das wir als die Metropole bezeichnen: Wir meinen damit jenes Gemisch aus Bauten und Grünflächen, das die ehemalige Stadt und das ehemalige Land überzieht. Wir wissen, dass diese Feststellung Protest hervorruft, dennoch sagen wir es: nie waren unsere Städte so grün wie heute. Kein Verwaltungsgebäude, keine Fussgängerzone, die nicht ihren knappen Boden noch durch üppige Bepflanzung mit den Produkten der Baumschulen unbrauchbar gemacht hätten. Wir kommen auf das Phänomen, das[sic] gerade die Ubiquität des Grüns die eigentlichen Gärten unsichtbar werden lässt, noch zurück. Leichter wahrzunehmen ist die Veränderung des ehemaligen Landes. Kein Landstädtchen gibt Ruhe, bevor es nicht auch, wie die Stadt, ein paar zu niedrige Hochhäuser aufweist, Und auch auf dem Dorfe wird zumindest die Gemeindeverwaltung ausgebaut, als wäre es die Deutsche Bank. Nicht ohne, wir betonen es, die nötigen Zwergsträucher und Steppengräser darum herum, die sich in dem ehemaligen Ackerboden erfolglos gegen adventive Sonnenblumen und Herkulesstauden behaupten müssen. – Erneut also die Frage: Ist unser Landschaftsbild dadurch in Krise geraten, dass sich die Landschaft nicht mehr durch eine merkbare Grenze von der Stadt absetzt?

Hier muss wohl noch als Drittes ein Bereich angeschnitten werden, den wir nicht ausdiskutieren wollen: der der Verwechslung von Landschaft mit Natur. Latent ist diese Verwechslung in jeder Landschaftsbetrachtung und Landschaftsdarstellung vorhanden. Der spazierengehende Städter erfreut sich an Zuständen unterschiedlicher landwirtschaftlicher Bearbeitung oder Nicht-Bearbeitung. Die klassischen Landschaftsbilder der Italiener und Holländer zeigen beides, den Eingriff des kultivierenden Landmannes und die ungestörte Natur, etwa in der Darstellung alter, halb abgestorbener Baumrecken, die keineswegs der Tischlerei oder der Brennholzverwertung zugeführt werden. Beides ist offenbar betrachtenswert: die Nutzung und die Brache. Auch hier erleben wir heute eine folgenschwere Veränderung: Die Nutzung intensiviert sich und die Brache wächst. Die ökonomischen Hintergründe dafür brauchen hier wohl nicht erklärt werden. Verständlich ist auch das daraus resultierende ästhetische Phänomen, das nämlich, je konzentrierter und homogener die Nutzung wird, das ästhetische Interesse des Spaziergangs daran abnimmt. Wir haben nicht die Wanderschuhe dazu angezogen, um endlose Getreidefelder und Geflügelfabriken zu sehen. Inskünftig also wird sich der Spaziergang vermehrt der Brache zuwenden, aber auch diese hat ihre Tücken. Die von ihrem Nutzer, dem Bauern, der Bundeswehr oder sonst wem verlassene Fläche ist nicht stabil. Was wir, je nachdem, freudig oder zweifelnd beobachten, aufkommende Unkräuter, den stacheligen Dschungel von Disteln, dann das Aufkommen erster Erlengebüsche und schliesslich, nach einigen Jahren, die Unzugänglichkeit dieser Gebiete, muss erst noch diskutiert werden. Hier sei das Thema zur angemeldet.

Die Sichtbarmachung

In dieser Krise der Landschaftswahrnehmung nehmen wir zwei ausweichende Haltungen ein, die beide ein Versuch sind, unsere Sehnsucht nach dem Natürlichen durch etwas Sichtbares zu befriedigen.

Die eine Tendenz ist die Suche nach der Natürlichkeit in der Extremlandschaft. Ästhetisch wahrgenommene werden kann nur der Ort, wo wir noch nicht engagiert sind Wie im 18. Jahrhundert eine Suche nach den letzten weissen Flecken auf der Landkarte einsetzte, so setzt heute die Suche nach dem unberührten Rande der Welt ein. Dabei ist klar, dass dieser nicht unbesiedelt ist, vermutlich auch touristisch nicht völlig unerschlossen. Vielleicht gibt es tatsächlich noch solche unerschlossenen Gebiete und sogar Völkerstämme, die noch nie einen Touristen gesehen haben. Diese aber liegen nicht in unserer Reichweite. Deshalb muss die Unberührtheit nicht faktisch da sein, sondern sich in einem dafür angenommenen Zeichensystem darbieten. Diese Zeichen liefert die Extremlandschaft. Während sich historisch das Landschaftserlebnis zunächst durch die Elemente der lieblichen Landschaft befriedigen liess und schliesslich dann im Laufe des 18. Jahrhunderts Elemente der – im Sinne Burkes – „erhabenen“ Landschaft dazunahm, suchen wir heute das gerade Gegenteil zumindest der Lieblichkeit auf. Einige Reisebüros haben sich auf Fahrten in solche Gegenden spezialisiert: Irland, Island, Wanderungen in nordischen Tundren und Steppen. Kreuzfahrten zwischen Felsenriffen und Eisbergen mit Blick auf karge Fischerdörfer. Oder Wanderungen mit Kamelen oder Maultieren durch die Wüste, den Atlas, den Himalaya, wobei das immer noch in den Köpfen einiger Landschaftsplaner herumspukende Ideal der Vielfalt drastisch ersetzt wird durch den Reiz der Einöde.

Nicht durch Reisebüros, aber wenigstens durch die Zigarettenreklame zu vermitteln ist die Abenteuer-landschaft des Trekking im Urwald, mit einem auf ein Floss gehievten Jeep, dem treuen Hund, Stiefeln, Schlapphut, Whiskyflasche und, natürlich, Zigarette. Dieses so aufgesuchte Zeichensystem jenseits der konventionellen Erhabenheit, der Transsublimität, wie wir es nennen könnten, vermittelt nun dem durch die Umweltpropaganda mit einem schlechtes Gewissen versehenen Reisenden die historische Situation des Betrachters ohne Interesse, dessen, der in das aufgesuchte Geschehen nicht verwickelt ist und es deshalb ästhetisch wahrnehmen kann.

Das andere, ebenfalls kommerziell – aber von einem anderen Geschäftszweig – vermittelte Zeichensystem ist das der Ökologie. Ökologie ist unsichtbar. Sie ist ein wissenschaftliches Konstrukt, das einer operablen Zieldefinition bedarf und dann von da aus mit wissenschaftlichen Mitteln nachgewiesen werden muss. Dieses aber kümmert den vom schlechten Gewissen geplagten Städter wenig: er möchte Ökologie sehen, und zwar einfach, lesbar und sofort. Deshalb offeriert die Landschaftsgärtnerei nunmehr auch, neben Zwerggehölzen und grossblütigen Tulpen, ökologische Bepflanzungen. Natürlich sind die vom ökologischen Stadtgärtner angelegten Blumenwiesen nicht wirklich ökologisch: das erkennt man schon daran, dass sie einer dauernden Pflege bedürfen. Denn sie sind ja angehaltene Sukzessionen, künstlich zum Stehen gebrachte Übergangszustände zwischen Pflege und Nichtpflege, zwischen dem wöchentlich gemähten städtischen Rasen und der verbuschten Brache. Schliesslich wurde ja auch die „.echte“ alpine Blumenwiese, der die verwendeten Samenmischungen nachempfunden sind, nach einem starren bäuerlichen Schema relativ intensiv bewirtschaftet, und so muss eben auch ihr städtisches Abbild mit neuartigen Düngungs-, Lockerungs- und sogar Belüftungsmethoden gepflegt werden. Das so erzeugte Bild aber vermittelt Entlastung für das geplagte Gewissen des Städters, der sich der Wegwerfflora konventioneller Stadtgärtnereien nicht mehr recht zu freuen vermag.

[Lucius Burckhardt, Spaziergangswissenschaft, in: Warum ist Landschaft schön? Die Spaziergangswissenschaft, hgg. von Markus Ritter, Berlin: Schmitz, 2006, S. 257-300, S. 272-278.]